Arztbesuch

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Ein Arztbesuch wurde zur Inspiration für eine Kurzgeschichte.

“Setzen Sie sich noch kurz hin. Sie kommen schon bald an die Reihe” ich befolge die Anweisung der Dame, welche mich mit einem aufgesetzten breiten Lächeln empfängt und direkt nach meinem Namen und meinem Geburtsdatum gefragt hat. Sie hatte gerade eine Frau bedient, eine alte, verwirrte. Diese hat gerade einen Terminvorschlag ausgewählt, der gar nicht zur Auswahl gestanden war. Sie packt ihre Medikamente in die Tasche und geht dann Richtung Ausgang. Den Termin hat sie wohl schon wieder vergessen.

Ich setze mich auf den freien Stuhl im Wartezimmer und sehe mich um: Eine junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter, welche gerade halbtot in der Spielecke rumliegt. Daneben eine Mittvierzigerin mit farbigen Fingernägeln und Haaren, sie liest gerade eine Boulevard-Zeitung. Dann auch den etwa 60-jährigen Mann, der unruhig auf seinem Stuhl hin und her wackelt, seine Frau sitzt neben ihm und liest mit aufgesetzter Lesebrille eine Reise-Broschüre über die Transsibirische Eisenbahn.

“Schatz, ich kann nicht mehr warten! Ich habe besseres zu tun als hier herumzusitzen. Eigentlich bin ich ja noch ganz fit” Nervt sich der ältere Herr, der vis-à-vis von mir sitzt. Was besseres zu tun - was denn? Der spielt sicher Trompete. Oder er baut gerade eine Modelleisenbahn. Oder er ist leidenschaftlicher Koch. Wenn er dann kocht spielt seine Frau am riesigen Flügel im Wohnzimmer. An Samstag Abenden besuchen sie klassische Konzerte. Sie sitzen in der vordersten Reihe und schlafen in der Hälfte ein. Am Ende des Konzerts hilft der Herr der Frau mit der Jacke, dann strahlt der knallrote Mund der Frau. So wie jetzt. Die Dame in ihrem Kaschmir-Pullover und der karierten Hose streckt ihre Arme von sich und betrachtet das Bild im Reisemagazin von weitem. “Schatzi, schau mal. Da waren wir doch auch! Weisst du noch? - Mein Gott ist das teuer geworden. Das war schon zu unserer Zeit kein Schnäppchen aber jetzt. Na gut, man gönnt sich ja sonst nichts.”

Mein Blick fällt auf die Zeitschrift neben mir. “Glücklich verliebt. Die Traumhochzeit von…” Die Namen kenne ich nicht. Darauf ist ein Mann, ungesund braun und irgendwie angestrengt wirkend. Seine Braut ist dürr, aber schön. Das Kleid war teuer. Ebenso wie alles sonst auf diesem Bild. “Nicht meine Welt” denke ich.

Also bleibt mir nichts anderes übrig. Handy raus, Facebook checken.
Max ist in einer Beziehung. 103 Kommentare dazu. “Estland 2017 was so nice” schreibt Vanessa zu ihrem Ferienbild. “Deine Englischkünste in ehren, Vanessa. Aber Estland auf Englisch heisst Estonia.” meldet sich die Nerd-Abteilung in meinem Gehirn. Weiter. 10 Typen von Lehrern, danke watson. Weihnachtsbaum. Bastelprojekt von meiner Cousine. Werbung. Werbung. Hundewelpen. “Immer das gleiche” denke ich.

Und während ich meinen Kopf wieder hebe schaut mich die Mittvierzigerin geradlinig ins Gesicht. “Wie lang starren Sie mich schon an?” würde ich gerne fragen. Stattdessen frage ich nichts und lächle nur leicht. Ihr Gesicht wird ernster, ich wette, sie überlegt sich gerade, was mir denn fehlt. Sie hat nämlich eine Tochter in meinem Alter. Eisenmangel, zu viel am Handy, oder Schnupfen. “Bänderriss” sage ich, die Frau zuckt leicht zusammen als sie merkt, dass ich ihre Gedanken aus dem Gesicht gelesen habe. “Ach so, ich habe nur so geguckt weil ich eine Tochter in Ihrem Alter habe. Die hat ganz doll Eisenmangel.” Nichts neues unter der Sonne, denke ich mir und meine Hand gleitet in meine Tasche.

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Ich schrecke auf als ich etwas auf meinem Knie spüre. “Kaffee?” sagt eine schwache Mädchenstimme. Die blasse Kinderhand streckt mir eine Tasse aus Plastik hin. Ich habe Angst die Tasse zu kippen, weil sie voller Staub ist. Aber was tut man nicht alles… “Oh, danke!” Sage ich und frage mich ob die Kleine wirklich glaubt, dass da was drin ist. Oder ob sie sich fragt, ob ich wirklich glaube, dass da was drin ist. Oder ob sie sich fragt, ob ich mich ernsthaft frage, ob sie das wirklich glaubt. Ich schlürfe den Kaffee und gebe die Tasse dann zurück. Die speckigen Beinchen torkeln in Richtung Spielküche und das Mädchen im rosafarbenen Kleidchen kocht dann irgendwas neues. Die Mutter lächelt mich entschuldigend an und ich überlege mir, wie schade es eigentlich ist, dass wir uns für soziale Kontakte entschuldigen.

“Frau Ulrich, sie können mir gleich ins Behandlungszimmer drei folgen” Ich stehe auf, nicke meinen Leidensgenossen zu und verlasse das Zimmer.
Ebenso schlau wie vorher. Aber amüsierter.

 

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